#gegenSpaltung

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Quelle: Linkswende

„Elif von der Dokumentationsstelle für Islamophobie in Österreich ergänzte: „Seit der zweiten Hälfte des Jahres 2014 nahmen die tätlichen Angriffe auf Muslime und insbesondere Musliminnen stark zu. Laut unserem letzten Report waren Frauen das Ziel 95 Prozent aller islamfeindlichen Angriffe.“ Debatten über Burka- und Burkini-Verbote schüren die Stimmung dazu und verschleiern die sozialen Probleme.“

kleine Korrektur: „Dokumentationsstelle für Muslime in Österreich“

Danke an die OrganisatorInnen vom Netzwerk Muslimische Zivilgesellschaft !

#gegenSpaltung

 

Wir als Dokumentationsstelle für Muslime verfolgten die Geschehnisse der letzten Wochen mit gemischten Gefühlen. Die Attentate in Europa, wie kürzlich in Frankreich und in Deutschland, gingen uns sehr Nahe und waren zutiefst davon betroffen. Die geographische Nähe verursachte zusätzlich eine angespannte Stimmung in Österreich, die sich im alltäglichen Leben niederschlägt. Tagtäglich lasen wir die Berichte und verfolgten die Nachrichten und wurden überflutet mit beängstigenden Inhalten. Diese medialen Berichterstattungen und die politischen Ereignisse übertragen sich folglich auf den Umgang der Menschen miteinander innerhalb unserer Gesellschaft. Viele Journalisten, aber auch Personen aus der Zivilgesellschaft äußerten sich zu den Themen wie  IS-Anschläge, Islam, Türkei und Integrationspolitik in Österreich.

Sowohl die sozialen Netzwerke, als auch die Medien boten sich als Projektionsfläche für die Besorgnisse der Bevölkerung. In Zeiten wie diese dominieren Gefühle wie Angst, Wut, Ausgrenzung, Hysterie und Panikmache, die folglich für negative Stimmung auf allen gesellschaftlichen Sphären sorgt.

Angesichts der Tatsachen finden wir den Ton der Musik bedenklich. Hierbei geht es nicht nur um den Inhalt der Themen, sondern wie mit diesen Themen umgegangen wird. Der Gebrauch von Begriffen wie „die Muslime“, „der Islam“ oder „die Türken“ in Konnotation im übertragenen Sinne mit „gewaltbereit“, „integrationsunwillig“ und „zurückgeblieben“ dominierten – und dominieren – die Inhalte der letzten Tage.[1] [2]Aus diesem Grund ist das Thema Integration aktuell wie noch nie und die daraus resultierende, legitime Frage zu stellen ebenfalls: „Gehören die Muslime hier zu Europa?“ oder „Stellen sie eine Gefahr für die Demokratie dar?“[3]

Die Existenz der Muslime in Europa, zurzeit teils medial gehandhabt als ein Fremdkörper[4], wird immer mehr in Frage gestellt. Untermauert werden diese Fragen und in Folge auch die Hypothesen von „Islam-Experten“, die diese Angst bedienen. Von Muslimen wird nur als Einheit gesprochen, abseits ihrer Differenzen untereinander, die man leicht pauschalisiert. Einige Journalisten appellieren in ihren Kolumnen an Muslime und unterstreichen die Dualität, sprechen von „wir“ und „ihr“[5] und führen die Integrationsprobleme in Europa auf den „nicht-humanistischen Islam“[6] zurück. Der Islam müsste sich erneuern und weiterentwickeln, damit die Muslime in Europa überhaupt ankommen können. Gefährlich wird es dann in den Moscheen, wo angeblich die Jugendlichen radikalisiert werden[7] und eine ernste Bedrohung für Europa  und Demokratie darstellen würden.

Im Vergleich zu allen anderen Europäischen Staaten ist die muslimische Gemeinde in Österreich schon seit über einem Jahrhundert anerkannt und folglich gut strukturiert. Dazu tragen die islamischen Verbände, Organisationen und auch der Religionsunterricht bei, worin die muslimische Jugend solide Islamkenntnisse erwerben kann, um sich vor Extremismus und Radikalisierung zu schützen. Deshalb ist es abfällig „die Muslime“ im Kollektiv zu verurteilen und sie für die Geschehnisse verantwortlich zu machen, um davon politisches Kapital zu schlagen.

Anstatt die Diskussion rund um Integration, die aus aktuellen Anlässen noch aktueller wird, konstruktiv und besonnen fortzuführen, stehen immer mehr Sanktionen und Verbote an der Tagesordnung, womit implizit von Rechtswidrigkeit ausgegangen wird.[8] Dies wiederum erzeugt Angst und Angst erzeugt Hass -beidseitig. Nicht nur Hass im Netz, in den Kommentaren und Foren wird erzeugt, sondern auch Hass auf der Straße, im echten Leben. Wir als Dokustelle zeichneten in den letzten Wochen vermehrt Fälle dieser Art auf. Dies veranlasste uns dazu Stellung zu nehmen. In Zeiten wie diese ist es umso wichtiger die Ruhe zu bewahren und sich  nicht von der Panik verführen zu lassen, die uns instinktiv handeln lässt, ohne zu reflektieren. Genau jetzt ist es von großer Bedeutung ein Zeichen gegen Hass, Angst, Panikmache und Diffamierung zu setzen, um eine friedliche Koexistenz zu schaffen.

 

Die Dokustelle für Muslime

 

 

[1]Kolumne Hans Rauscher „Werte Muslime in Europa“ , Der Standard, 29. Juli 2016
[2] Abdel-Hakem Ourghi „Islamischer Theologie sieht Verbindung zwischen Islam und Extremismus. Katholische Presse Agentur, 2. Aug. 2016
[3]Kolumne Hand Rauscher „Werte Muslime in Europa“ , Der Standard, 29. Juli 2016
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[6]Abdel-Hakem Ourghi „Islamischer Theologie sieht Verbindung zwischen Islam und Extremismus. Katholische Presse Agentur, 2. Aug. 2016
[7] Ebd.
[8] APA, der Standard, 21.7.2016

 

Sensibilisierung für Islamfeindlichkeit

Die Schülerin Z., eine erkennbare Muslimin, steigt in die Straßenbahn ein. Es werden ihr die Wörter nachgerufen „Euch muss man alle ins KZ schicken!“.

Eines von vielen alltäglichen Beispielen einer Muslima in Österreich. Denn islamfeindliche Äußerungen auf der Straße oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln –so meint man- gehören eben zum Muslimsein in Österreich dazu, daran gewöhne man sich. Dass man aufgrund seiner Religionszugehörigkeit beschimpft, ja attackiert oder diskriminiert wird, gehört zu unschönen Dingen im Leben, denn man habe ja auch nicht behauptet, dass das Leben einfach ist. Diese oder ähnliche Geschichten und Ereignisse hört man im Zuge seines Lebens und mit der Zeit denkt man sich, ob das überhaupt in Ordnung ist, aufgrund seines Glaubens so behandelt zu werden. Jeder einzelne Mensch kann dagegen intervenieren oder etwas unternehmen, aber gezielt daran zu arbeiten, um diesbezüglich ein Bewusstsein zu schaffen, dies war eine Notwendigkeit. Es gehörte eine strukturierte und institutionalisierte Arbeit in dem Bereich, um Islamfeindlichkeit und anti-muslimischen Rassismus zu benennen und zu erläutern.

So entstand am 10. Dezember 2014, am Tag der Menschenrechte, die Dokumentationsstelle für Muslime in Österreich. Tätig sind hier engagierte StudentInnen und Berufststätige, die diese Arbeit ausschließlich ehrenamtlich machen. Die Aufgaben der Dokumentationsstelle waren von Anfang an klar definiert: Zivilcourage fördern, auf Diskriminierung und hate crime aufmerksam machen, Erstberatung leisten und bei Bedarf weitervermitteln und statistische Daten erfassen.

Verschiedene Arten von islamfeindlichen Angriffen

Hierbei werden die islamfeindlichen Delikte unterschieden zwischen hate crime (Vorurteilsverbechen), hate speech (Verhetzung), Diskriminierung, verbalem Angriff, Beschmierung und auch die an Islamfeindlichkeit bekämpfende und muslimische Institutionen gerichtete Islamfeindlichkeit. Bei hate crimes steht das islamfeindliche Motiv des Täters im Vordergrund und greift eine Person aufgrund seiner Religionszugehörigkeit an, ohne diese Person persönlich zu kennen und hate speechs sind Hetzreden, die öffentlich Hass gegen Personen oder Gruppen anstiften. Nach einer anderthalbjährigen Arbeit war es klar ersichtlich, dass es nicht nur um das bloße Erfassen der Zahlen ging, sondern viel Bildungsarbeit zu leisten und diese Inhalte zu vermitteln sind.

Schaut man sich die Zahlen vom Jahr 2015 an, so wurden insgesamt 156 Fälle dokumentiert bzw. von der Dokumentationsstelle beobachtet. Auffallend waren die Zeiträume nach dem Paris-Attentat, wo vermehrt Fälle eingegangen sind, wo unter anderem islamische Einrichtungen Ziel eines hate crimes wurden. Die Auswirkungen der globalen Ereignisse wie terroristische Anschläge oder der IS sind auch lokal zu spüren, indem MuslimInnen zur Zielscheibe islamfeindlicher Angriffe werden – zu 95% fast ausschließlich erkennbare Musliminnen. Die Folgen solcher Erlebnisse können zur Zunahme der Vorurteile auf „beiden“ Seiten führen, wo Misstrauen und Voreingenommenheit zum ständigen Begleiter werden. Je salonfähiger es wird „andersdenkende“ Menschen aufgrund ihrer „Andersartigkeit“ verbal anzugreifen oder physisch zu attackieren, desto mehr kann man eine sinkende Hemmschwelle bei Angriffen aufzeichnen. Nach dem Rechtsruck in vielen europäischen Ländern, sowie auch in Österreich, hat der Fremdenhass auch in der Mitte der Gesellschaft seinen Platz eingeräumt, indem jegliche Feindlichkeit offen gezeigt und verbal geäußert wird, allen voran durch Personen aus der Öffentlichkeit, die den Nährboden für Hass säen können. Erstmals in der Geschichte der zweiten Republik wurden in den letzten Jahren islamische Gebetshäuser angegriffen, ja sogar zum Verbot von Islam in Österreich geäußert, die für das zukünftige Zusammenleben ziemlich besorgniserregend ist. Laut dem österreichischen Innenministerium wurde ein massiver Anstieg, mit 54% mehr als im Vorjahr, rechtsextremer und rassistischer Aktivitäten verzeichnet.

Sensibilisierung für Islamfeindlichkeit

Das Land, das man als sein eigenes Zuhause sieht, indem man lebt, arbeitet, wo man zur Schule geht, seine Steuern zahlt, möchte man auch lebenswert gestalten. Um die Lebensqualität und das gesellschaftliche Zusammenleben aufrecht zu erhalten bedarf es, ein Bewusstsein zu schaffen. Diese Sensibilisierung gilt für jeden Menschen, denn Islamfeindlichkeit stellt nicht alleine ein Problem für die muslimischen MitbürgerInnen dar, sondern für die gesamte Zivilgesellschaft. Das Wegschauen und Nicht-Beachten der islamfeindlichen Ereignisse kann ein friedliches Zusammenleben verhindern und die Gesellschaft spalten. Es ist wichtig, gerade in Zeiten wie diesen, ein WIR-Gefühl zu stärken. Als Bürger und BürgerInnen dieses Landes ist es umso wichtiger, gemeinsam gegen jeglichen Hass und Feindlichkeit zu arbeiten. Deshalb ist es auch für uns wichtig, als Dokumentationsstelle für Muslime, mit möglichst vielen Zivilgesellschaften oder NGO’s aller Sparten zusammenzuarbeiten – auch wenn das romantisch klingen mag – um einen positiven Beitrag für die Zukunft zu leisten.

Dokustelle

veröffentlicht am 15.05.2016 auf http://www.islamiq.de