#gegenSpaltung

 

Wir als Dokumentationsstelle für Muslime verfolgten die Geschehnisse der letzten Wochen mit gemischten Gefühlen. Die Attentate in Europa, wie kürzlich in Frankreich und in Deutschland, gingen uns sehr Nahe und waren zutiefst davon betroffen. Die geographische Nähe verursachte zusätzlich eine angespannte Stimmung in Österreich, die sich im alltäglichen Leben niederschlägt. Tagtäglich lasen wir die Berichte und verfolgten die Nachrichten und wurden überflutet mit beängstigenden Inhalten. Diese medialen Berichterstattungen und die politischen Ereignisse übertragen sich folglich auf den Umgang der Menschen miteinander innerhalb unserer Gesellschaft. Viele Journalisten, aber auch Personen aus der Zivilgesellschaft äußerten sich zu den Themen wie  IS-Anschläge, Islam, Türkei und Integrationspolitik in Österreich.

Sowohl die sozialen Netzwerke, als auch die Medien boten sich als Projektionsfläche für die Besorgnisse der Bevölkerung. In Zeiten wie diese dominieren Gefühle wie Angst, Wut, Ausgrenzung, Hysterie und Panikmache, die folglich für negative Stimmung auf allen gesellschaftlichen Sphären sorgt.

Angesichts der Tatsachen finden wir den Ton der Musik bedenklich. Hierbei geht es nicht nur um den Inhalt der Themen, sondern wie mit diesen Themen umgegangen wird. Der Gebrauch von Begriffen wie „die Muslime“, „der Islam“ oder „die Türken“ in Konnotation im übertragenen Sinne mit „gewaltbereit“, „integrationsunwillig“ und „zurückgeblieben“ dominierten – und dominieren – die Inhalte der letzten Tage.[1] [2]Aus diesem Grund ist das Thema Integration aktuell wie noch nie und die daraus resultierende, legitime Frage zu stellen ebenfalls: „Gehören die Muslime hier zu Europa?“ oder „Stellen sie eine Gefahr für die Demokratie dar?“[3]

Die Existenz der Muslime in Europa, zurzeit teils medial gehandhabt als ein Fremdkörper[4], wird immer mehr in Frage gestellt. Untermauert werden diese Fragen und in Folge auch die Hypothesen von „Islam-Experten“, die diese Angst bedienen. Von Muslimen wird nur als Einheit gesprochen, abseits ihrer Differenzen untereinander, die man leicht pauschalisiert. Einige Journalisten appellieren in ihren Kolumnen an Muslime und unterstreichen die Dualität, sprechen von „wir“ und „ihr“[5] und führen die Integrationsprobleme in Europa auf den „nicht-humanistischen Islam“[6] zurück. Der Islam müsste sich erneuern und weiterentwickeln, damit die Muslime in Europa überhaupt ankommen können. Gefährlich wird es dann in den Moscheen, wo angeblich die Jugendlichen radikalisiert werden[7] und eine ernste Bedrohung für Europa  und Demokratie darstellen würden.

Im Vergleich zu allen anderen Europäischen Staaten ist die muslimische Gemeinde in Österreich schon seit über einem Jahrhundert anerkannt und folglich gut strukturiert. Dazu tragen die islamischen Verbände, Organisationen und auch der Religionsunterricht bei, worin die muslimische Jugend solide Islamkenntnisse erwerben kann, um sich vor Extremismus und Radikalisierung zu schützen. Deshalb ist es abfällig „die Muslime“ im Kollektiv zu verurteilen und sie für die Geschehnisse verantwortlich zu machen, um davon politisches Kapital zu schlagen.

Anstatt die Diskussion rund um Integration, die aus aktuellen Anlässen noch aktueller wird, konstruktiv und besonnen fortzuführen, stehen immer mehr Sanktionen und Verbote an der Tagesordnung, womit implizit von Rechtswidrigkeit ausgegangen wird.[8] Dies wiederum erzeugt Angst und Angst erzeugt Hass -beidseitig. Nicht nur Hass im Netz, in den Kommentaren und Foren wird erzeugt, sondern auch Hass auf der Straße, im echten Leben. Wir als Dokustelle zeichneten in den letzten Wochen vermehrt Fälle dieser Art auf. Dies veranlasste uns dazu Stellung zu nehmen. In Zeiten wie diese ist es umso wichtiger die Ruhe zu bewahren und sich  nicht von der Panik verführen zu lassen, die uns instinktiv handeln lässt, ohne zu reflektieren. Genau jetzt ist es von großer Bedeutung ein Zeichen gegen Hass, Angst, Panikmache und Diffamierung zu setzen, um eine friedliche Koexistenz zu schaffen.

 

Die Dokustelle für Muslime

 

 

[1]Kolumne Hans Rauscher „Werte Muslime in Europa“ , Der Standard, 29. Juli 2016
[2] Abdel-Hakem Ourghi „Islamischer Theologie sieht Verbindung zwischen Islam und Extremismus. Katholische Presse Agentur, 2. Aug. 2016
[3]Kolumne Hand Rauscher „Werte Muslime in Europa“ , Der Standard, 29. Juli 2016
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[6]Abdel-Hakem Ourghi „Islamischer Theologie sieht Verbindung zwischen Islam und Extremismus. Katholische Presse Agentur, 2. Aug. 2016
[7] Ebd.
[8] APA, der Standard, 21.7.2016

 

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